Filmprojekt Ecuador
Dolor y esperanza – ein Land der Kontraste
Ecuador ist ein von der Natur reich beschenktes Land, das
zunehmend verarmt. Als größter Bananenexporteur der Welt hat
sie mit den niedrigen Weltmarktpreisen und der
wirtschaftlichen Abhängigkeit von ihren Rohstoffen zu kämpfen.
Die ausgesprochen hohe Staatsverschuldung zerfrisst das
schwächliche Land und die Verteilung des ohnehin geringen
Wohlstands ist skandalös ungerecht. Ein Großteil des
Amazonas-Regenwaldes von Ecuador ist durch die bevorstehende
Inbetriebnahme der neuen WestLB-Pipeline bedroht. Probleme
über Probleme... all das wussten wir auch schon vor der Reise.
Aber im Land stellten wir fest, dass Ecuador so viel mehr ist
als seine bekanntesten Insignien: Korruption, Armut,
Kriminalität.
Ecuador weist auf einer so kleinen Fläche eine enorme
landschaftliche Vielfalt auf: das westliche Küstentiefland
(Costa), das zentrale Andenhochland (Sierra) und das östliche
Tiefland (Oriente).
Hier im Oriente in der Provinz Zamora-Chinchipe begann
unsere Reise quer durch das Land, von dessen üppiger
Vegetation wir sofort wie angetan waren: von Nebel bedeckte
Regenwälder. Um einen Überblick über die katholische
Entwicklungshilfe zu bekommen, verbrachten wir zehn Tage auf
der Missionsstätte in Guadalupe beim Schoppenauer Missionar
Georg Nigsch. Die Probleme auf dem Land sind die
Arbeitslosigkeit, die materielle Armut, der Alkoholismus, die
fehlende Bildung sowie das mangelnde Gesundheitswesen. In der
Mission ist man bemüht diese Probleme abzuschwächen. So
versorgt in der Missionsklinik ein internationales Ärzteteam
auf einer non-profit-Basis die Kranken.
„Im Dschungel“ lebten wir uns recht schnell ein und passten
uns sogar an die für die Europäer so unübliche „Kultur des
Sichverspätens“ an. Wir lernten auch, dass im Auto das
Sicherheitsgurt keine Bedeutung hat, aber die Hupe dafür das
wichtigste Instrument darstellt. Dass die Straßen aufgrund von
Erdrutschen oft unpassierbar blieben, erachteten wir schon
bald als normal. Bepackt mit einer Kamera begleiteten wir die
Ärzte/-innen, Georg und die Schwestern durch ihren Alltag.
Besonders gut gefiel es uns aber mit den Schwestern durch die
umliegenden Dörfer zu ziehen. Denn mit Gummistiefeln durch den
Matsch zu waten und bis zu den Knöcheln im Morast zu versinken
machte uns großen Spaß. Auch fanden wir es beeindruckend
plötzlich in einem Feld umgeben von Ananas Pflanzen,
Bananenstauden und Kakaobäumen zu stehen.
In den Dörfern wurden wir von der Bevölkerung herzlichst
empfangen. Während wir bei den etwas zurückhaltenden
Erwachsenen mühevoll um Erlaubnis für Fotos bitten mussten,
wurden wir von posierenden Kindern umzingelt, die eifrig
schrieen: „otra vez, otra vez!“ (noch einmal).
Nach Überwinden von etlichen Höhenmetern kamen wir im
Kolonialstädtchen Cuenca an und mussten schon gleich
Winterjacke und Kappe herauskramen. Dort befassten wir uns mit
den Projekten der Pastoral Social, einer ecuadorianischen
Hilfsorganisation, deren Projekte von der Caritas Vorarlberg
finanziell unterstützt werden. Die Projekte der Pastoral
Social sind sehr vielfältig: Projekte für Waisenkinder,
Projekte in den Dörfern, die durch die Errichtung von
Solaranlagen, Lehmöfen und Wassertanks deren Infrastruktur
verbessern und somit die Landflucht verhindern sollen. Ein
anderes Projekt versucht durch verschiedenste Kurse den
Prostituierten zu helfen sich in die Gesellschaft zu
reintegrieren. Wir lernten viele Zivildiener und Freiwillige
aus Vorarlberg und Deutschland kennen, die uns die Projekte
genauer vorstellten. So kam es auch, dass wir uns ins
Rotlicht-Milieu von Cuenca begaben und schockiert
feststellten, welch ein erbärmliches Leben die Prostituierten
zu führen „gezwungen“ sind.
Auch begleiteten wir den Feldkircher Zivildiener Marco in
eine „communidad“, wo er die kürzlich installierten
Solaranlagen überprüfte. Unterwegs kamen wir an der
atemberaubenden Landschaft des Nationalparks Cajas vorbei und
an kleinen Dörfern, deren Hauswände mit strahlenden Gesichtern
von Politikern plakatiert waren, die der Bevölkerung eine
bessere Zukunft versprechen. Mit mulmigem Gefühl im Magen sind
wir an den Kreuzen vorbeigefahren, die tödliche Unfälle
entlang der Strecke markieren – wir haben die Fahrt überlebt,
sowie die eiskalten Duschen in Cuenca.
In unserer letzten Woche beschlossen wir das Land auf
Eigeninitiative zu erkunden und machten uns beladen mit den
schweren Rucksäcken auf den Weg. In der Hauptstadt Quito,
begegneten wir Menschen, die sich zu Hunderten vor der
spanischen Botschaft drängten, um für sie das Bleiberecht in
Spanien zu erwirken – ein ungewöhnlicher Anblick. In den
Busterminals gerieten wir ins Wortgewitter von Fahrern:
„Riobamba, Riobamba“, das auch im Bus kein Ende nahm. An jeder
Bushaltestelle stiegen Leute zu, die überlaut für
„Wunderseifen“ warben oder pollos (Hühnchen) verkauften.
Manchmal konnte man während der Fahrt sogar den Schatten von
Tieren beobachten, die auf dem Busdach transportiert wurden.
Unterwegs im Andenhochland trafen wir Indigenas mit bunten
Ponchos und Kindern auf dem Rücken. Auf den Märkten herrschte
ein geschäftiges Treiben, wo vor allem traditionell gekleidete
Frauen ihre bescheidenen Waren verkauften.
Auf unserer Reise begegneten wir immer wieder Menschen, die
für uns eine sonst verschlossene Tür öffneten. So war da ein
Taxifahrer, der er uns zu einer Bananenplantage brachte oder
ein deutscher Arzt, der uns zu einem längst erloschenen Vulkan
führte. Über alle diese Menschen wird im Film nichts zu sehen
sein, aber sie schwingen mit. In der letzten Woche taumelten
wir also planlos in unser Thema und ließen uns von Zufällen
durch das Land treiben. So war es auch reiner Zufall, dass wir
an einem kleinen Fischerdorf vorbeikamen, wo whale-watching
tours angeboten wurden. Wir brachten eine Ansammlung von
Impressionen zurück, die wir nicht so schnell vergessen
werden. Wenn wir unsere Augen schließen, werden wir noch lange
die Wale vor unseren Augen sehen, der unvergleichliche
Geschmack der frischen jugos (Fruchtsäfte) wird uns noch lange
in Erinnerung bleiben und das hektische Geschrei von Menschen
im Busterminal wird uns auch später noch in den Ohren
klingen.

